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Taklamakan-Wüste: Chinas riesige Fischfabrik im Sand

Mann in Schutzkleidung misst Temperatur eines Fisches in Aquakulturbecken unter einem Gewächshaus.
In diesem Artikel
  1. Von der „Ort ohne Wiederkehr“ zur Hightech-Aquakultur
  2. Chemie statt Küste: Wie Meerwasser im Sand entsteht
  3. Warum China Fische in der Wüste züchten will
  4. Ökologischer Fortschritt oder neues Risiko?
  5. Taklamakan als Labor für die Landwirtschaft der Zukunft
  6. Was hinter Schlagworten wie Aquakultur und Salzboden steckt

Wo einst Karawanen um ihr Überleben bangten, glitzern heute Wasserbecken zwischen den Dünen: In Chinas Taklamakan-Wüste entsteht eine gewaltige Fischfabrik.

Die Taklamakan im äußersten Westen Chinas war über Jahrtausende hinweg als unheilvolle Leere bekannt – als Gebiet, das Händler auf der Seidenstraße großräumig mieden. Nun werden dort Industrieanlagen errichtet, in denen Meerestiere heranwachsen, obwohl der nächste Ozean tausende Kilometer entfernt liegt. Was wie Science-Fiction anmutet, gehört zu einer strategischen Neuausrichtung der chinesischen Lebensmittelproduktion.

Von der „Ort ohne Wiederkehr“ zur Hightech-Aquakultur

Die Taklamakan ist ein lebensfeindlicher Landstrich. Dünen verlagern sich ständig, tagsüber klettern die Temperaturen auf deutlich über 40 Grad, die Nächte sind eisig und Niederschlag fällt kaum. Der aus dem Uigurischen stammende Name wird häufig als „Ort, aus dem man nicht zurückkehrt“ interpretiert. Über Jahrhunderte stellte diese Region vor allem eines dar: ein kaum überwindbares Hindernis.

Inzwischen gleicht ein Abschnitt dieser Wüste einer anderen Welt. Wo sich früher Sand bis zum Horizont erstreckte, reihen sich rechteckige Becken und Hallen aneinander. Zuchtfische und Garnelen leben darin unter der Kontrolle von Sensoren, Pumpen und chemischen Aufbereitungsanlagen. Die chinesische Regierung stellt das Vorhaben als Nachweis dar, dass selbst extremste Lebensräume mithilfe von Technik wirtschaftlich genutzt werden können.

Wo früher Karawanen verdursteten, wachsen nun jährlich knapp 200.000 Tonnen Fisch und Meeresfrüchte heran.

Für das Jahr 2024 wird erwartet, dass Betriebe in Xinjiang ungefähr 196.500 Tonnen Aquakultur-Produkte erzeugen. Damit nähert sich die Menge der jährlichen Produktion einiger kleinerer Küstenstaaten an.

Chemie statt Küste: Wie Meerwasser im Sand entsteht

Entscheidend ist die Beschaffenheit des Bodens. Die Böden im Tarim-Becken sind stark salzhaltig und alkalisch belastet, weshalb herkömmliche Bewässerungslandwirtschaft dort nicht funktioniert. Anstelle von Feldern bauen Ingenieure deshalb geschlossene Wassersysteme für Fischbecken auf.

Salzgrundwasser als Rohstoff

Salzhaltiges Grundwasser wird in mehreren Schritten aus tieferen Schichten unter der Wüste gefördert. Für Pflanzen wäre dieses Wasser ungeeignet, doch durch chemische Anpassung lässt es sich auf die Bedürfnisse von Meerestieren abstimmen. In großen Aufbereitungsanlagen werden dabei:

  • der Salzgehalt exakt angepasst,
  • der pH-Wert eingestellt,
  • Mineralien und Spurenelemente in einer meeresähnlichen Mischung ergänzt,
  • Schad- und Schwebstoffe herausgefiltert.

So entsteht nicht einfach nur Salzwasser, sondern Wasser, dessen Zusammensetzung natürlichen Meeren nachempfunden ist. Darin können beispielsweise Zackenbarsche oder die weltweit verbreitete Garnelenart Vannamei gezüchtet werden.

Wasserkreislauf statt Verschwendung

Da Wasser in der Wüste ein knappes Gut ist, setzen die Betriebe auf sogenannte Kreislauf-Aquakultursysteme. Das Wasser zirkuliert fortlaufend: Es gelangt aus den Becken in Filter, passiert biologische Reinigungsstufen mit Bakterien sowie eine Desinfektion und fließt anschließend zu den Tieren zurück. Frischwasser wird lediglich in vergleichsweise geringen Mengen ergänzt, vor allem zum Ausgleich von Verlusten.

Auch die gleichbleibende Wassertemperatur stellt eine technische Herausforderung dar. Zwischen Winter und Sommer kann das Thermometer in der Taklamakan-Wüste um mehr als 60 Grad schwanken. Damit die Fische mit optimaler Geschwindigkeit wachsen, wird das Wasser je nach Bedarf erwärmt oder gekühlt. Das erfordert viel Energie, die teilweise durch Solarstrom bereitgestellt wird.

Warum China Fische in der Wüste züchten will

Die Frage liegt nahe: Weshalb betreibt ein Land mit tausenden Kilometern Küste Marine-Aquakultur ausgerechnet weit im Landesinneren?

Strategische Ernährungssicherung

China gehört weltweit zu den größten Verbrauchern von Fisch und Meeresfrüchten. Eine wachsende Mittelschicht fragt Garnelen, Muscheln und hochwertige Speisefische nach. Zugleich erreichen Küstenfischereien ihre Grenzen, Fangquoten nehmen zu und internationale Konflikte um Fischgründe verschärfen sich.

Jede Tonne Fisch aus der Wüste muss nicht auf hoher See gefangen oder teuer importiert werden.

Der Staat verbindet damit mehrere Ziele:

  • Geringere Importabhängigkeit: Die Produktion im Inland soll Preissprünge auf dem Weltmarkt abmildern.
  • Entlastung der Meere: Zuchtanlagen im Landesinneren sollen einen Ausgleich zu überfischten Küstengebieten schaffen.
  • Versorgung abgelegener Regionen: Menschen in Westchina können frischen Fisch erhalten, ohne dass dieser quer durch das Land transportiert werden muss.
  • Technologieexport: Wenn sich das Modell bewährt, könnte China Anlagen und Fachwissen an andere trockene Staaten verkaufen.

Eine zentrale Bedeutung hat dabei das Schmelzwasser der umliegenden Gebirge. Gletscher im Kunlun- und Tianshan-Gebirge versorgen den Tarim-Fluss und sein Einzugsgebiet. Dieser Vorrat ist begrenzt, aber vergleichsweise konstant und wird von den Fischbetrieben genutzt.

Ökologischer Fortschritt oder neues Risiko?

Peking beschreibt die Aquakultur in der Wüste offiziell als umweltverträgliche Alternative zur Überfischung. Kreislaufsysteme benötigen pro Kilogramm Fisch deutlich weniger Wasser als klassische Teichanlagen. Außerdem leiten sie keine Abwässer in Fluss- oder Küstenökosysteme ein.

Dennoch ergeben sich neue Fragen:

  • Wasserhaushalt: In welchem Maß beanspruchen die Anlagen die ohnehin knappen Wasserressourcen des Tarim-Beckens?
  • Energieverbrauch: Heiz- und Kühlsysteme benötigen große Mengen Strom; abhängig vom Strommix können dadurch indirekt CO₂-Emissionen steigen.
  • Salz- und Chemierückstände: Eine fehlerhafte Entsorgung könnte Böden und Grundwasser zusätzlich versalzen oder verunreinigen.
  • Soziale Spannungen: In Xinjiang leben überwiegend Minderheiten, deren Interessen bei solchen Großprojekten häufig nur begrenzt berücksichtigt werden.

Umweltorganisationen weisen darauf hin, dass die Region bereits heute unter sinkenden Grundwasserspiegeln und schrumpfenden Flüssen leidet. Jede weitere Industrie, die Schmelzwasser nutzt, erhöht den Druck auf das empfindliche Gleichgewicht im Tarim-Becken.

Taklamakan als Labor für die Landwirtschaft der Zukunft

Die Wüstenanlagen sind nicht lediglich ein Prestigevorhaben. Sie fungieren zugleich als Erprobungsfeld für Technik, die auch in anderen Regionen relevant sein könnte. Zahlreiche trockene Staaten vom Nahen Osten bis nach Zentralasien stehen vor derselben Herausforderung: Lebensmittel mit salzhaltigem Grundwasser zu erzeugen.

Im Hintergrund entwickeln Fachleute Verfahren weiter, welche Chemie und Biologie enger miteinander verbinden. Bakterien sollen Stickstoffverbindungen in den Becken verwerten; Mikroalgen sollen CO₂ aufnehmen und zugleich als Futter dienen. Damit wird die Wüste zu einem Freiluftlabor für geschlossene Produktionskreisläufe.

Ein vergleichbarer Ansatz wird in weiteren Bereichen verfolgt. Wissenschaftler testen auf salzhaltigen Böden salztolerante Pflanzen, darunter Quinoa und bestimmte Gerstensorten. Auf diese Weise könnten frühere Niemandsländer wieder als Anbauflächen nutzbar werden – mitsamt den politischen Konflikten, die Landnutzung in sensiblen Regionen auslösen kann.

Was hinter Schlagworten wie Aquakultur und Salzboden steckt

Viele Begriffe rund um Fischzucht in der Wüste bleiben zunächst abstrakt. Zwei davon begegnen Leserinnen und Lesern besonders oft:

Begriff Bedeutung
Aquakultur Kontrollierte Zucht von Fischen, Muscheln, Krebstieren oder Algen in Becken, Teichen oder Meeresanlagen.
Salz- und Alkaliboden Böden mit hohen Anteilen an Salzen und Basen, auf denen die meisten Kulturpflanzen nicht wachsen können.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa verdeutlicht das Beispiel Taklamakan, wie sehr sich die Lebensmittelproduktion von natürlichen Standorten entfernt. Fisch muss schon lange nicht mehr aus dem Meer stammen, ebenso wenig wie Tomaten zwingend im Freiland wachsen müssen. Eine hohe Technisierung sowie die präzise Steuerung von Wasser, Nährstoffen und Temperatur erschließen neue Produktionsräume – buchstäblich sogar in der Todeswüste.

Die andere Seite ist die Abhängigkeit jeder solchen Anlage von einer komplexen Infrastruktur. Bei einem Energieausfall geraten Pumpen, Filter und Kühlung aus dem Gleichgewicht, sodass die gesamte Produktion gefährdet ist. In natürlichen Flüssen oder Küstengewässern können natürliche Prozesse vieles auffangen; diese Absicherung existiert in der Hightech-Wüste nicht.

Ob die Taklamakan in einigen Jahrzehnten als Vorbild nachhaltiger Aquakultur oder als Warnung vor riskanter Großtechnologie betrachtet wird, bleibt offen. Fest steht lediglich: Die Vorstellung einer „unberührbaren Wüste“ verliert an Gültigkeit und weicht Becken, Rohren und Fischen an einem Ort, an dem früher nur Sand und Wind zu finden waren.

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Matthias Nordhoff

Matthias Nordhoff ist Gastronomiefachberater mit langjähriger Erfahrung in der deutschen Imbiss- und Streetfood-Branche. Für Imbiss Nordmann beschäftigt er sich mit regionalen Rezepten, nachhaltigem Wareneinkauf und der Entwicklung moderner Klassiker aus der norddeutschen Küche.

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